Nick Pitarras Wimmelbilder in The Manhattan Projects

Das 1. Tradepaperback von Manhattan ProjectsWas wäre, wenn das Manhattan Projekt – ein geheimes Forschungsprojekt der Amerikaner zur Entwicklung der Atombombe – nur Fassade für zahlreiche weitere, noch radikalere Forschungsprojekte gewesen wäre? Jonathan Hickman (Szenarist) und Nick Pitarra (Zeichner) liefern die Antwort mit der Alternate History-Comicreihe The Manhattan Projects. Die Serie verfolgt den Weg einer Clique machthungriger und skrupelloser Wissenschaftler, der bekannte Köpfe wie Albert Einstein, Joseph Oppenheimer, Wernher von Braun und Richard Feynman angehören.

Neben der geschickten Vermischung von historischen Fakten und Fiktionen durch Autor Jonathan Hickman, prägt gerade auch der grafische Stil von Zeichner Nick Pitarra die Reihe ganz entscheidend. Dabei ist charakteristisch, wie Pitarra gerade den Hintergrund vieler Szenen mit zahlreichen Details versieht: Durch immer wieder auftauchende Wimmel-Splash Panels sprengt Pitarra den Erzählspielraum, der durch das Seitenformat begrenzt wird. Wirklich interessant wird es jedoch, wenn Nick Pitarra die Wimmel-Technik in Gesprächsszenen anwendet, die sich über zahlreiche Seiten erstrecken – also nicht in einem einzelnen Splash Panel abgehandelt werden können. Der Leser ist gezwungen die verschiedenen Perspektiven, durch die der Raum in einzelnen Panels gezeigt wird, vor seinem geistigen Auge zusammen zu fügen. Dabei entsteht ein geradezu dreidimensionales Bild. Ich bin überzeugt, dass Nick Pitarra zur fehlerfreien Darstellung dieser Szenen Bodenpläne oder Ähnliches benutzt haben muss – ein Hilfsmittel, dessen auch ich mich bei der Beschreibung zweier markanter Räume des ersten Bandes im Folgenden bediene.

Das Büro des Generals

Handschlag Groves und Oppenheimer - The Manhattan Projects

LESLIE GROVES
Not a genius.
American. General.
Smokes. Bombs.*

Das erste Kapitel von Manhattan Projects (1. Infinite Oppenheimers) beginnt mit einer zunächst unscheinbaren Szene im amerikanischen Kriegsministerium. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges empfängt General Leslie Groves den Physiker Joseph Oppenheimer in seinem Büro, um diesen als zivilen Chef der Manhattan Projects anzuwerben. Bereits auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Groves keineswegs gedenkt, sich an die Grenzen seiner politischen Auftraggeber zu halten: „For us, wartime never ends, and this program cannot be held to the whims of gutless cogs in the DC machine. We have… more important concerns.“

Der kompromisslose Charakter von Groves wird durch die Zeichnungen von Nick Pitarra noch einmal auf die Spitze getrieben. Wie bereits oben angedeutet, begnügt sich Pitarra jedoch nicht damit, die machtbewusste Mimik und Gestik des Generals in Szene zu setzten und Groves Uniform mit Pistolenhalfter, Orden und einer Ansteckgranate zu behängen. Der Zeichner nutzt gerade das Büro, in dem sich das Gespräch abspielt, um die Persönlichkeit und das Selbstverständnis des Generals zu beleuchten. Nachfolgend ein Inventar der Dinge, die man entdecken kann, während General Groves hinter seinem Schreibtisch in einem großen Sessel lehnt und sich eine dicke Zigarre anzündet. (Der Blick schweift von links nach rechts.)

Büro General Groves - The Manhattan ProjectsLinks neben dem Fenster, im Rücken des Generals:

  • An der Wand: ein Flammenwerfer samt Napalmtanks.
  • An eine Kommode gelehnt: ein Granatwerfer (?)
  • und in dieser steckend: ein Kampfmesser.
  • Auf Augenhöhe hängt eingerahmt eine goldene Scheibe mit amerikanisch-heraldischen Motiven und der Aufschrift „United States of America – War Office“.
  • Unten rechts im Bild: ein Erklärschild zur (historischen?) Bedeutung der Scheibe.
  • Auf einem Regalbrett unter der Decke schließlich: eine Gasmaske
  • und ein Morgenstern (samt Kette).

Rechts neben dem Fenster, über dem ein Maschinengewehr festgemacht ist:

  • Eine amerikanische Flagge, die in den Raum hinein ragt.
  • Daneben: ein Regal, gefüllt mit Büchern.
  • Oben auf: rechts und links je ein goldener Pokal
  • und in der Mitte: eine Soldatenfigur.
  • In der Ecke hängt eine kleine Urkunde.

Die rechte Wand:

  • Neben der kleinen Urkunde ist eine größere Urkunde oder Ehrung zu sehen.
  • In der Wandmitte bestimmt eine Halterung für bis zu 10 Gewehre das Bild, wobei nur vier Kerben durch
  • eine Tommygun,
  • eine (deutsche?) Maschinenpistole,
  • sowie zwei weitere Gewehre besetzt sind.
  • Rechter Hand in der Ecke: ein weiteres Regal, vollgestopft mit Büchern,
  • Gasmasken
  • und oben auf: eine goldene Adlerkopf-Statue.

Auf dem Schreibtisch in der Raummitte, dessen Front zehn Einschusslöcher zieren:

  • Zwei Granaten. Eine klein und dick,
  • eine hoch und dünn.
  • Des weiteren: ein Feuerzeug,
  • ein Aschenbecher,
  • ein amerikanischer Stahlhelm,
  • ein Kaffeebecher (mit Inhalt),
  • ein Becher mit Stiften (4),
  • ein Namensschild mit den Lettern „GROVES“
  • und ein großer Stapel ordentlich sortierter Papiere.
  • Zudem: Eine Schreibtischlampe,
  • an der ein Schlagring baumelt.

Die Wand in Oppenheimers Rücken, der auf einem einfachen Campingklappstuhl Platz genommen hat, sehen wir nur zwei Mal. Hier befinden sich:

  • ein schweres Maschinengewehr,
  • samt Dreibein,
  • sowie ein in die Wand eingelassener Save,
  • über dem das Bild eines Adlerkopfes (?) hängt.
  • Die Tür.

Einsteins Artefaktkammer

Albert Einstein und der Monolith - The Manhattan ProjectsALBRECHT EINSTEIN
Highly intelligent.
German. Physicist.
Drinks.*

Neben Oppenheimer und Groves zählt auch Albert Einstein zu den Hauptdarstellern von Manhattan Projects. Das erste Mal erblicken wir Einstein nur flüchtig während Oppenheimers erster Besichtigungstour durch die Einrichtung (1. Infinite Oppenheimers). Oppenheimer schaut durch das Sichtfenster einer Sicherheitstür und erblickt dahinter einen Raum voll historischer Artefakte, in dessen Mitte ein fremdartiger Monolith steht. Auf einem kleinen Hocker vor dem Monolith sitzt Einstein, ein Whiskyglas sowie die entsprechende Flasche in Griffreichweite. Erst im fünften Kapitel von Manhattan Projects (5. The Rose Bridge) wird die mysteriöse Beziehung zwischen Einstein und dem Monolithen aufgelöst.

Auch Einsteins „Artefaktkammer“ fügt sich durch zahlreiche Einzelperspektiven zu einem großen Wimmelbild zusammen. Im Zentrum stehen Einstein und der Monolith. So wird schon zu Beginn der Geschichte beim Leser die Frage aufgeworfen, was die beiden wohl verbindet. Im Gegensatz zu Groves Büro dient die Artefaktkammer jedoch nicht allein dazu, Einsteins Persönlichkeit zu reflektieren – obwohl sich auch hierfür Beispiele finden lassen (Tigerente, Whisky, Lavalampe). Vielmehr stellen die zahlreichen Utensilien, die an den Wänden um den Monolithen herum stehen, einen Kontrast zu diesem dar und lenken die Neugier des Lesers auf das zeitlos erscheinende Gebilde im Zentrum.

Einsteins Artefaktraum - The Manhattan Projects

Von der Sicherheitstür führt ein erhöhter Weg zu einer kreisrunden Plattform im Zentrum des Raumes. Hier stehen:

  • Der Monolith,
  • auf den mehrere Antennen gerichtet sind.
  • Davor: ein dreibeiniger Hocker,
  • eine Whiskyflasche
  • und ein Glas.

An der linken Wand sind aufgereiht:

  • Ein mannsgroßes Ei,
  • ein Asteroid oder Meteor,
  • ein altes Fahrradmodell,
  • die Statue eines thronenden Neptuns samt Dreizack,
  • eine massive Kopfstatue (aus Asien?),
  • eine kunstvoll gearbeitete Kiste, ähnlich der Bundeslade aus Indiana Jones,
  • ein ägyptischer Sarkophag,
  • eine zylindrische Form
  • und ein im Boden versenkter, stilisierter Kopf mit weit geöffnetem Mund.

Links neben dem Monolithen steht ein Tisch. Auf ihm finden wir:

  • einen antiken Globus,
  • ein Wasserglas
  • und später auch: eine pinke Lavalampe.

An der Wand hinter dem Monolith gesellen sich:

  • Ein Holzfass
  • und eine Apparatur, die wie eine altertümlichen Strahlenkanone aussieht, zueinander.
  • Zudem: Ein große Scheibe, in dessen Mitte verschiedengroße Zahnräder (?) fixiert sind,
  • eine phallische Figur, die entfernt einer Rakete ähnelt
  • und: eine Ritterrüstung mit Schild und Schwert.

Die rechte Wand gerät nur selten in den Blick des Betrachters. Neben der Ritterrüstung führen drei Stufen auf eine Galerie. Hier stehen:

  • Diverse Magnetband-Rechenmaschinen,
  • eine Jukebox,
  • das aufgerichtete Skelett eines T-Rex
  • und eine weitere deckenhohe Kopfstatue.

Rechts neben dem Monolithen ist eine runde Bar zusehen. Auf dieser finden wir:

  • eine Tigerente,
  • eine Thermoskanne
  • und später auch: Butterpapier,
  • ein Käsebrot,
  • sowie Einsteins Taschenuhr.
  • An der Bar lehnt stets eine große Streitaxt.
  • Ebenfalls in der Nähe der Bar: ein Barhocker,
  • eine Kiste mit roten Raketen,
  • eine grüne Schwenktafel
  • und ein menschliches Skelett.

Die Wand mit der Tür im Zentrum ist nur kurz zu sehen. In der Nähe des Dinosaurierskeletts:

  • Ein hüfthohes Regal mit einer Geige und
  • einigen anderen Gegenständen darin.
  • Davor: Ein Teppich, der das Wappen und die Aufschrift der Universität Princeton trägt.
  • Über dem Regal: zwei golden eingerahmte Gemälde. Das Linke zeigt Holzpuppen in Smokings ohne Gesichtszüge.
  • Das Rechte ist kaum zu erkennen.

Links neben der Eingangstür:

  • Ein unbekanntes Gemälde
  • und ein großer Schrank. Die linke Hälfte wird von einem Löwenkopfrelief geschmückt.
  • In der offenen, rechten Seite sind diverse Artefakte und Schmuckstücke zu sehen.

*: Im Anhang von Manhattan Projects werden unter der Überschrift „The Cast“ die wichtigsten Charaktere des Buches mit einem Bild und einigen beschreibenden Worten kurz aufgelistet.

POSTSKRIPTUM: The Manhattan Projects erscheint seit März 2012 als fortlaufende Serie bei Image Comics. Eine deutsche Ausgabe ist noch nicht in Sicht. Na, Cross Cult, wie wär‘s?

Transskriptum: Nick Pitarra über Wimmelbilder

01.05.2014: Nach Veröffentlichung der Notiz habe ich Nick Pitarra via Twitter kurz auf den Text hingewiesen. Es folgt das sich daraus entwickelnde Gespräch, in dem Pitarra auch einige noch offene Fragen zu den Grafiken in The Manhattan Projects beantwortete.

Die Kontaktaufnahme:

Nicks Reaktion auf den Text:

Da er sich offensichtlich über den Text freute, sah ich die Chance ihn zu seiner Arbeitsweise zu befragen bzw. herauszufinden, ob er wirklich Bodenpläne für die Erstellung seiner Wimmelbilder benutzt:

Nick schrieb daraufhin, wie er bei der Ausgestaltung der Räume in Manhattan Projects vorgehe:

Sehr zu meiner Freude kam er dann auch darauf zu Sprechen, in wie fern solche Wimmelbilder durch das Script von Autor Jonathan Hickman vorgegeben waren und wie er ihre Bedeutung für die Geschichte einschätzt.

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