“Die Stadt der Träumenden Bücher” als Graphic Novel

Der Illustrator Florian Biege an seinem Arbeitsplatz

Der Illustrator Florian Biege an seinem Arbeitsplatz

Zamonien wird farbig. Nach der kolorierten Neuauflage von “Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär” (2013) arbeiten Walter Moers und der Illustrator Florian Biege aus Münster nun an einer Comic-Adaption des Romans “Die Stadt der Träumenden Bücher”. Ich habe mit Florian Biege über die Entstehung des Comics, den Umgang mit der Romanvorlage und seine Zusammenarbeit mit Walter Moers gesprochen.

Wie die Idee für die Graphic Novel entstand

Im Nachwort von “Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär” steht, dass Du und Walter Moers schon seit einiger Zeit an einer Graphic Novel-Adaption von “Die Stadt der Träumenden Bücher” arbeitet. Was war zuerst da, der Comic oder die Kolorierung?

Der Comic. 2010 rief mich Walter Moers an und fragte, ob ich einige seiner Bilder kolorieren möchte. Dabei ging es aber noch nicht um das Käpt’n Blaubär-Buch. Ich sagte ja.

Kanntet ihr euch zu diesem Zeitpunkt schon?

Nein.

Und woher wusstest Du, dass es Walter Moers ist? Das hätte ja jeder behaupten können.

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Die Lindwurmfeste im Roman (c) STB-R

Ja das ist schon etwas skurril, zumal wir uns bis heute nicht real getroffen haben. Aber mittlerweile glaub ich schon, dass es Walter war. (lacht) Der Kontakt wurde von Torsten Wolber hergestellt, ein befreundeter Illustrator, von dem ich wusste, dass er schon mit Walter zusammen gearbeitet hatte. Torsten hat zum Beispiel das Bild von Adolf als Baby für den Clip “Adolf – ich hock in meinem Bonker” gemalt.

Und wie kam es zum Comic?

Die Bilder wurden nie veröffentlicht, aber durch unsere Gespräche ist Walter wohl auf meine Diplomarbeit aufmerksam geworden. Während meines Design-Studiums an der Fachhochschule Münster hatte ich die Fantasywelt “Conterra” erfunden und hierfür Concept Art erstellt. Irgendwie muss Walter etwas von Zamonien in den Illustrationen wiedererkannt haben, zum Beispiel die Lindwurmfeste in der kegelförmigen Wüstenstadt. Schließlich fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte mit ihm eine Comic-Adaption von “Die Stadt der Träumenden Bücher” umzusetzen. So ist das Projekt entstanden. Das muss so Anfang 2011 gewesen sein.

Conterra von Florian Biege - wuestenstadt als vorbild fuer lindwurmfeste

Erinnerte Walter Moers an die Lindwurmfeste: Die Wüstenstadt aus Florian Bieges Diplomarbeit “Conterra”. (c) FB

War der Knaus-Verlag zu diesem Zeitpunkt schon mit an Bord?

So weit ich weiß nicht. Zunächst haben Walter Moers und ich noch etwas gebastelt und ausprobiert: Wie viele Seiten müsste die Graphic Novel haben? Wie lange würde das Ganze dauern? Welchen Look würde die Geschichte bekommen? Klar war nur, dass wir uns am malerischen Stil der Diplomarbeit orientieren würden. Das haben wir alles erst einmal ausprobiert. Schließlich haben wir sechs Seiten des Comics als Prototyp realisiert und dem Verlag zugeschickt. Mit Erfolg – das Projekt erhielt im Oktober 2011 grünes Licht. Über Käpt’n Blaubär haben wir erst später gesprochen.

Die ersten vier Seiten des Prototyps:

Über die Zusammenarbeit mit Walter Moers

Viele Zamonien-Fans werden sich fragen: Wie viel Walter Moers steckt in der Graphic Novel und wie viel Florian Biege?

Das hängt ganz davon ab, ob man die Bilder oder den Text meint. Das Skript, also die im Comic erscheinenden Sprechblasen und Erklärkästen, liegen komplett in Walters Hand. Bei den Bildern ist es etwas komplizierter. Walter liefert mit einer Bleistiftskizze die Grundlage, auf deren Basis ich dann weiter arbeite und manchmal auch mit alternativen Panel-Strukturen experimentiere.

Das heißt, Du bist nicht „nur“ der Kolorist des Comics?

Nein, nein. Die Skizzen von Walter sind zwar schon recht detailreich, aber von der Komposition her noch lange nicht abgeschlossen.

Bis zur fertigen Seite sind insgesamt fünf Arbeitsschritte: 1. Bleistiftskizze von Walter 2. Skizze am PC von mir 3. Vorzeichnung und Farbentwurf 4. ein weiterer Zwischenschritt und 5. das finale Bild.

Für den ersten Entwurf, den ich am PC zeichne, ignoriere ich zunächst bewusst gewisse Aspekte aus Walters Skizze wie Bildkomposition, Blickwinkel oder die Position der Sprechblasen. Ich denke das sind Elemente, die ich für mich in meinem Stil finden muss – genauso wie die Farben. Wenn ich mit einem neuen Schritt fertig bin, schicke ich ihn per Mail an Walter und den Verlag.

Bleistiftskizze Walter Moers - Die Stadt der Traeumenden Buecher

Danzelot stirbt – Bleistiftskizze für die Graphic Novel von Walter Moers. (c) AK

Und wie steht es um das Design der grafischen Elemente selbst, bist Du da ebenso frei?

Ich würde sagen das ist geteilt. Die meisten Figuren basieren auf den Bleistiftskizzen von Walter und werden von mir lediglich im dreidimensionalen Raum neu positioniert. Aber es gibt natürlich auch immer wieder weiße Flecken in Walters Skizze, für die ich keine direkte Vorlage habe. In solchen Fällen, wenn ich zum Beispiel noch einige Passanten oder ein Haus einfügen muss, designe ich diese komplett selbst oder orientiere mich an den vielen Illustrationen aus den Romanen oder aus dem Lexikon.

Beim Zeichnen höre ich mir auch immer noch mal die entsprechenden Passagen aus dem Hörbuch von “Die Stadt der Träumenden Bücher” an. Dadurch sind schon einige Details aus dem Roman, die in Walters Skizze fehlten, nachträglich wieder in den Comic gekommen.

Warum habt ihr euch für die relativ engmaschigen Arbeits- und Genehmigungsschritte entschieden?

Auch wenn es Dich überrascht: um Arbeit zu sparen. Der grafische Stil des Comics ist sehr aufwendig, da war es uns wichtig nicht zu viel Energie in ausgearbeitete Entwürfe zu stecken, die wieder verworfen werden. Wir haben die einzelnen Entwurfsphasen also streng voneinander getrennt und stellen die Seiten somit immer Stück für Stück fertig. Ich arbeite deshalb immer parallel an mehreren Seiten, die sich in verschiedenen Stadien befinden.

Arbeitet ihr deswegen schon so lange an dem Projekt?

Der Stil des Comics ist auf jeden Fall der Hauptgrund. Eine Rolle spielt aber sicherlich auch, dass ich alleine mit dem Comic über die Jahre verteilt meine Miete nicht bezahlen könnte. Unter anderem zeichne und koloriere ich Storyboards für Werbefilme. Das ist relativ gut bezahlt, allerdings kommen die Aufträge immer sehr plötzlich und müssen meist in kürzester Zeit fertig werden.

Wer ist sonst noch an der Graphic Novel beteiligt?

“Die Stadt der Träumenden Bücher” wird von Michael Hau handgelettert. Zudem ist auch Oliver Schmitt, der schon die Buchgestaltung für die anderen Zamonien-Romane übernommen hat, in Sachen Typografie, Buch- und Covergestaltung beteiligt. Anja Dollinger, die schon das Zamonien-Lexikon verfasst hat, bereichert den Comic mit einem umfassenden Buchhaim-Glossar. Vom Knaus-Verlag steht uns Wolfgang Ferchl als Lektor und bei schwierigen Entscheidungen zur Seite. Außerdem hat Carsten Sommer einige Charaktere aus Zamonien als dreidimensionale Figuren umgesetzt, die eine große Hilfe sind.

Doppelseite der Graphic Novel zu Die Stadt der Traeumenden Buecher

“Der malerische Zeichenstil macht sich gerade bei großen Bildern bezahlt.” (c) STB-G

Die Rolle der Sprache in der Comic-Adaption

In “Die Stadt der Träumenden Bücher” hat Walter Moers’ extrem deskriptiver Schreibstil eine neue Qualität erreicht. Habt ihr Schwierigkeiten diese Detailfülle aus dem Roman im Comic unter zu bringen?

Nein, es ist eher anders herum. Die langen Beschreibungen der Locations lassen sich hervorragend in den Zeichnungen unterbringen.

Könntest Du das etwas genauer beschreiben?

Gerne. Wir haben uns für einen grafischen Stil entschieden, der extrem detailliert aber auch sehr arbeitsintensiv ist. Durch den hohen Detailgrad der Bilder haben wir die Möglichkeit sehr viele Beschreibungselemente aus den ursprünglichen Romantexten in den Comic einzubauen.

Das ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass wir Doppelseitenbilder, wie das von Mythenmetz auf dem Marktplatz (siehe oben), relativ häufig verwenden. Dabei war das ursprünglich gar nicht so geplant. Wir haben jedoch früh gemerkt, dass sich der malerische Zeichenstil gerade bei großen, detailreichen, ja geradezu wimmelbild-artigen Bildern, bezahlt macht. (Mit Wimmelbildern beschäftigt sich auch der Manhattan Projects-Artikel.) Im Arbeitsprozess haben wir festgestellt, dass manche Bilder erst ab einer bestimmten Größe funktionieren. Statt also viel mit Motiv-Wiederholungen und kleinen Panels zu arbeiten, greifen wir in der Graphic Novel häufiger auf große Bildausschnitte zurück, um detaillierte Szenerien oder auch mal eine Nahaufnahme von einem der Hauptcharaktere zu zeigen.

“Walters Sprache spielt immer noch eine wichtige Rolle” – Das Gedicht vom Schattenkönig im Comic. (c) STB-G

Könnte das die Geschichte nicht auch unfreiwillig verlangsamen?

Der Comic soll dazu einzuladen in den Szenarien zu verweilen und Details zu entdecken. Das ist beim Lesen sicherlich auch fordernd, aber im Roman ja auch nicht anders.

Und sonst? Sicherlich musstet ihr viel vom Originaltext kürzen?

Ohne Streichungen wäre der Comic nicht möglich gewesen. Allein mit der Beschreibung Buchhaims mit seinen hunderten Verlagen, Papiermühlen, Antiquariaten, Feuerwehren und vielem mehr hätten wir einen ganzen Comic füllen können. Aus den 450 Romanseiten werden im Enddefekt also 2 Graphic Novels mit jeweils ungefähr 100 Seiten.

Aber ich würde deswegen nicht sagen, dass der Text in der Adaption eine untergeordnete Rolle spielt. “Die Stadt der Träumenden Bücher” enthält sogar recht viel Text für einen Comic. Ich denke aber, dass allen etwas daran lag, dass der Ton der Bücher auch in der Graphic Novel erhalten bleibt und dass Walters Sprache weiterhin eine wichtige Rolle spielt.

Der zweite Teil des Interviews beschäftigt sich mit der Kolorierung von “Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär”.

Weiterführende Links

Bildnachweis: Florian Biege (FB); Die Stadt der Träumenden Bücher, Roman von Walter Moers, 2004 bei Piper erschienen, S. 12 (STB-R); Die Stadt der Träumenden Bücher, Graphic Novel von Walter Moers und Florian Biege, noch nicht erschienen bei Knaus (STB-G); Die 7 1/2 Leben des Walter Moers – vom Kleinen Arschloch über Käpt’n Blaubär bis Zamonien, Ausstellungskatalog hrsg. von Christine Vogt, 2011 bei Kerber erschienen, S. 35 (AK).

6 comments

  1. Hammer, einfach nur genial. Das ist sowas von cool, ich kann es nicht in Worte fassen. Das sieht jetzt schon so dermaßen gut aus, dass ich das auf jeden Fall haben muss. Macht weiter so und vor allem bequatscht Walter Moers, damit das gleiche mit RUMO und dem BLAUBÄR passiert. Am besten macht gleich noch einen Film, etc. 😉
    Nein im Ernst, auf sowas habe ich gewartet. Das ist der Stoff aus dem die Träume sind. Danke!

  2. Wow, ich kann es kaum erwarten, dass die erste Graphic Novel herauskommt. Die Bilder haben jetzt schon so einen großen Zauber….Nun bin ich angefüttert und will mehr!

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