Zeichenstil: „Die Haie von Lagos“ von den 80ern bis heute

Der Zeichenstil von Matthias Schultheiss im VergleichEnde der 1980er Jahre feierte der Hamburger Comiczeichner Matthias Schultheiss große Erfolge mit der Seeräuber-Trilogie „Die Haie von Lagos“. Protagonist der Serie ist der kaltblütige Söldner Patrick Lambert, dessen Überlebenskünste in einer von Gewalt, Korruption, Sex und Zerfall dominierten Stadt auf eine harte Probe gestellt werden. Ende 2014, fast 25 Jahre nach Abschluss der Trilogie, erschien der erste Band eines neuen Zyklus – „Die Geister des Meeres“. Auch wenn die Jahrzehnte an seinem Protagonisten scheinbar spurlos vorbei gegangen sind, der Zeichenstil von Schultheiss hat sich in einigen Punkten stark verändert.

Keine Liebe auf den ersten Blick

„Die Haie von Lagos“ ist nichts für schwache Nerven. Blut und Sex ist man bei vielen Erwachsenencomics ja durchaus gewöhnt, aber so offen zur Schau gestellte Gedärme, Genitalien und Gewaltexzesse wie in Schultheiss‘ Actionthriller bekommt man in auflagenstarken Comics doch selten zu sehen; Vergewaltigungen und Folter inklusive. All dies führte dazu, dass die ersten drei Bände vom Comicplus-Verlag (ein Geschenk eines Freundes) zunächst ungelesen bei mir im Regal verstaubten. Erst durch die Veröffentlichung des vierten Bandes -„Die Geister des Meeres“ – erinnerte ich mich an die Comics … und verschlag sie innerhalb nur weniger Stunden! Auch wenn ich mich an den Inhalt gewöhnen musste, hielten mich die eindrucksvollen Bilder aber auch die Geschichte schnell gefangen: das Dickicht der Mangroven-Sümpfe, die flimmernde Hitze in den Hinterzimmern der Macht, die Überfälle auf hoher See, der Voodoo von Lamberts Monokel. All dies fand ich packend. Und doch blieb mir der Comic irgendwie fremd.

Sex und Gewalt sind in "Die Haie von Lagos" ein ständiger Begleiter (Seelen, S. 23)
Sex und Gewalt sind in „Die Haie von Lagos“ ein ständiger Begleiter (Seelen, S. 23)

Worüber ich eigentlich schreiben wollte

Ursprünglich wollte ich einen Artikel über sexualisierte Gewalt in „Die Haie von Lagos'“ verfassen. Denn auch wenn ich die Serie nun zu schätzen wusste, fragte ich mich, welche Rolle Sex, Vergewaltigungen und Folter innerhalb der Erzählung spielen. Sind sie nur Beiwerk oder steckt mehr dahinter? Welches Bild wird uns von Frauen und Männern in Afrika vermittelt? Leider weiß ich zu wenig über die realen Verhältnisse in Lagos in den 1980er Jahren, um einer solchen Analyse gerecht zu werden. Schon sah ich alle Hoffnung auf einen spannenden Artikel über den Comic dahin fließen, als mir beim Durchblättern die stilistischen Unterschiede zwischen den einzelnen Alben ins Auge stachen.

Entwicklung des Zeichenstils von „Die Haie von Lagos“

Neben der derben Handlung ist der Erfolg der ersten Lagos-Trilogie sicherlich auch auf den Zeichenstil von Matthias Schultheiss zurückzuführen. Im Folgenden will ich auf einige wesentliche Merkmale seines Stils eingehen und deren Entwicklung innerhalb der Serie nachverfolgen.

Blendeffekte - Schwarze Seelen Seite 17
Drückende Hitze und viele Blendeffekte (Seelen, S. 17)

Ein markanter Auftakt (Band 1)

Schon die ersten Seiten von „Schwarze Seelen“ (Bd. 1, 1987) vermitteln über die Bildebene das Gefühl von stehender, schwüler, drückender Hitze. Schultheiss erreicht dies über zwei Wege:

  1. Matte Aquarellfarben, dünne Outlines: Die grafische Grundlage von „Die Haie von Lagos“ bilden matte, wenig kontrastreiche Farbtuschen. Damit sich das Auge in den fließenden Farben nicht verliert, sind wichtige Personen und Gegenstände durch feine Outlines umrandet.
  2. Blendeffekte: Zu der bereits sehr hellen Farbgrundlage gesellen sich weißes Gegenlicht und Lichtreflexionen. Egal ob Taschenlampen, Wasseroberflächen, Gläser, Waffen, verschwitzte Körper oder Lamberts Zauberglass – kaum ein Panel kommt ohne diese Blendeffekte aus. Sogar bei Nacht und in durch Jalousien abgedunkelten Räumen sind die Szenen stets gut ausgeleuchtet, was Schultheiss nicht davon abhält gekonnt mit Schattenwürfen zu spielen.

Diese Mischung aus leichten Aquarellfarben und Blendeffekten macht den Kern von Schultheiss‘ Zeichenstil in den ersten Lagos-Bänden aus.

Erste Veränderungen (Band 2 und 3)

Bereits in „Lamberts Beute“ (Band 2, 1988) hat sich der Stil verändert. Die Grundelemente von Schultheiss‘ Technik sind zwar dieselben, aber die Gewichtung ist eine andere. So sind die Aquarellbilder nun gröber, weniger detailreich geraten und deutlich heller gestaltet. Auch mit den Outlines geht der Zeichner sparsamer um, was in Kombination mit hoher Helligkeit leider dazu führt, dass die schwarzen Linien nicht mehr mit den Farbhintergründen verschmelzen, sondern geradezu hervor stechen. In „Die Spur“ (Band 3, 1990) scheint sich der Zeichenstil wieder der Balance aus Band 1 anzunähern. Durch mehr Details und ein besseres Kontrastverhältnis wirken die Outlines nicht länger wie Fremdkörper. Die Brillanz aus dem ersten Band erreicht Schultheiss mit „Die Spur“ dennoch nicht.

Was waren nun aber die Ursachen für diesen zeitweiligen Qualitätsabfall? Ich fragte Matthias Schultheiss direkt per Mail. Laut ihm spielten Änderungen im Produktionsprozess eine große Rolle:

„Als Band 1 in Frankreich rauskam, traf mich der Schlag. Sie hatten sieben meiner wichtigsten Seiten verdruckt (S. 34-39). Zu wenig Rot, zu wenig Tiefe – ich war schwer enttäuscht. Die Originale hatte ich damals auf A2 gemalt.
Darauf sagte ich ihnen, ich habe keine Lust mehr auf so was, sie sollen mir die Seiten in Blaudruck auf Karton mit Überleger schicken. Die Originalseiten von Band 2 waren dann auch kleiner, ich meine A3. Sie schickten sie mir dann aber noch kleiner zurück. A4. Ich war verzweifelt. In Band 2 erkennt man deswegen auch Passerungenauigkeit bei den Schwarzzeichnungen. Ich habe die Arbeit mehr oder weniger freudlos gemacht. Ich merkte, das war es auch nicht, was ich wollte.
Also beschloss ich wieder komplett zu malen, ohne Blaudruck und Überleger. Aber kleiner. Das war dann Band 3. Er gefällt mir wieder gut und sie haben keine Fehler gemacht.

Nachher erfuhr ich ein Teil des Problems. Meine Original Kartons von Band 1 wurden alle gespalten. Es gab damals noch keine Flachbrett Scanner – sie bekamen die Kartons nicht um die Trommel. Naja, für den neuen Sammelband 1-3, der in Deutschland bei Splitter erscheint, haben sie noch einmal von allen Seiten neue Scans gemacht. Sieht richtig gut aus.“

Dynamische Farben - Geister des Meeres Seite 10
Dynamische Farben und Lichteffekte in „Die Geister des Meeres“ (Band 4, S. 10)

Die digitale Gegenwart (Band 4)

Zwischen „Die Spur“ und „Die Geister des Meeres“ (Band 4, 2014) liegen nicht nur 14 Jahre Lebenszeit, in denen sich Matthias Schultheiss zeitweilig sogar vom Comic abwandte, zwischen dem alten und dem neuen Zyklus liegt auch eine technische Entwicklung: der Hamburger zeichnet seine Alben nun weitgehend digital, wie man auf seinem Blog nachlesen kann (siehe unten). Das hat auch Auswirkung auf das Artwork.

  1. Dynamischere Farben: Die digitale Tusche scheint Schultheiss noch stärker zu liegen, als die analoge. Die farbigen Hintergründe und Figuren des neuen Bandes sind sehr detailreich und strahlen eine ungeheure Dynamik aus, welche die der alten Alben um Längen übertrifft. Auch die Lichteffekte von Band 4 sind dynamischer geraten. Der reißende Sturm, die Unterwasser-Lichtbrechungen oder die funkelnden Baumkronen des Dschungels stützten sich nun zum großen Teil auf Farbe statt dominante Blendeffekte. Darüber hinaus sind die Farben von „Die Geister des Meeres“ insgesamt stärker gesättigt. Kontrastprobleme zwischen Farbhintergründen und Outlines, wie in Band 2, gehören damit der Vergangenheit an.
  2. Freie Panelstruktur: Beim Vergleich fällt auch auf, dass die Panels in Band 4 sehr viel freier angeordnet sind. Statt sich auf klassische 90-Grad-Raster zu beschränken, stellt Schultheiss die Struktur stärker in den Dienst der Erzählung: Um noch mehr Bewegung in Actionszenen zu bringen, peppt er deren Panels zum Beispiel mit spitzen Winkeln auf oder lässt die Panels sich gegenseitig überlagern.
  3. Keine Blendeffekte: Bei all der Dynamik bleibt ein Markenzeichen der alten Trilogie auf der Strecke: Die allgegenwärtigen Blendeffekte fehlen bis auf wenige Ausnahmen komplett. Das tut vielen Szenen gut (siehe oben) aber es gibt auch Gegenbeispiele. So fallen die Licht-durchfluteten Tagszenen auf hoher See gegenüber den alten Bänden ab, da das weiße Gleißen die kräftigen Farben nicht so überstrahlen kann, wie es in Band 1 gelingt.

Die neue Dynamik von Schultheiss‘ Artwork muss man bewundern. Trotzdem trauere ich den Blendeffekten aus Band 1 ein wenig nach. Ohne das weiße Gleißen wirkt Lamberts Monokel irgendwie matt, als ob es seinen Zauber verloren hat. Da ist es nur passend, dass der Protagonist der Serie gleich auf den ersten Seiten von Band 4 ein Auge verliert. Augenbinde statt Monokel? Vielleicht steht dieser optische Wandel auch für eine Veränderung seines Charakters. Die nächsten Bände werden es zeigen.

Fazit

Schultheiss bleibt in Bewegung. Auch wenn gewisse Grundparameter konstant bleiben, scheint der Altmeister immer noch auf der Suche nach der perfekten Balance zwischen Farbe, Licht und Outlines zu sein. Die digitale Arbeit und die damit gestiegene Kontrolle über den finalen Druck scheinen seiner Arbeit gut zu tun. Auch wenn man über den Inhalt von Matthias Schultheiss‘ Werken streiten kann, im Umgang mit Farbe und Licht führt derzeit kaum ein Weg an ihm vorbei.

Die Haie von Lagos im Netz

Bildnachweis: Matthias Schultheiss, Die Haie von Lagos. Schwarze Seelen, Comic+ 2000. Matthias Schultheiss, Die Haie von Lagos. Lamberts Beute, Comic+ 2001. Matthias Schultheiss, Die Haie von Lagos. Die Spur, Comic+ 2001. Matthias Schultheiss, Die Haie von Lagos. Zweiter Zyklus – Die Geister des Meeres, Splitter 2014.

2 Kommentare

  1. Ist ja schon eigenartig wenn sich der Autor als einziger meldet. Aber egal. Ich finde den Artikel gut und fair. Was die Gewalt und Sexgeschichte betrifft, so kommt letzteres selten vor. Lambert hat auch nie vergewaltigt. Im Gegenteil als er Zeuge einer V. rastete er aus und verhindert sie. Was die Gewalt und Grausamkeit betrifft, sie ist Gegenstand unserer Welt. Alle benutzen sie mit unterschiedlichen Zielen und Ausreden. Und last not least. Verbrechen und Gewalt lohnt sich. Auch ziviele Firmen gehen pleite und die Dummen Verbrecher werden eben erwischt. Der Rest macht miliarden Umsätze. Die Großen und kleinen Kartelle, Mafia und Syndikate bis hin zu den Machtspielen der großen Player wie USA, Japan und Russland sprechen für sich. Ich halte also diese Gewaltdiskusion für, verzeihung, etwas kindisch und hochgehängt weil total gewollt ud sinnlos. Ich möchte wahre Geschichten schreiben und keine Märchen. Es geht um Piraterie. Ich weiß nicht ob der Autor sich trauen würde diese Frage anhand von Tarantinos Filmen zu erörtern. Trotzdem, danke für diesen Artikel.

  2. Hallo Matthias,

    da gebe ich Dir Recht. Es würde auch mich freuen, wenn die Beiträge mehr kommentiert würden … aber leider ist dem nicht so. Feedback bekomme ich eher mündlich auf Conventions oder bei Twitter.

    Zu den Gewaltdarstellungen: Ich kann Deinen Standpunkt „Die Welt ist nun mal kein Ponyhof“ nachvollziehen und würde Dir Recht geben, dass die Realität oft sehr viel grausamer ist, als es Film, TV & Co. zeigen möchten. Ich für meinen Teil war eine so offene Darstellung von Gewalt aber einfach nicht gewohnt. Vielleicht hat mich das zunächst davon abgehalten, die Bände zu lesen. Dass sich hier meine Meinung geändert hat, hat dann auch dazu beigetragen, dass ich nicht die Gewalt- und Sexdarstellung, sondern Deinen Zeichenstil ins Zentrum des Artikels gestellt habe.

    Viele Grüße
    Philipp

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